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Pilgerbericht / Wenn Aufgeben keine Option ist

Elsbeth
25. Sept.
5 Min. Lesezeit

24.09.2026


Heute wartete eine der anspruchsvollsten Etappen des Camino Primitivo auf mich – und am Ende sollte sie mich weit über das hinausfordern, was ich erwartet hatte.


Um 06:30 Uhr klingelte der Wecker. Fünf Minuten später stand ich auf und machte alles für den Tag fertig. Gegen 07:00 Uhr ging ich zum Frühstück und setzte mich zu den beiden Finnen. Wir wechselten ein paar Worte und ich gab ihnen den QR-Code meiner Webseite mit.


Danach holte ich meinen Rucksack und musste noch die wunderschöne Morgenstimmung fotografieren. So wurde es 07:45 Uhr, bis ich loslief.



Beim Start war es noch dunkel. Gleich zu Beginn ging es steil hinunter zu einem Bach, den der Camino über eine kleine Holzbrücke überquert. Direkt daneben entdeckte ich einen Stein mit dem Namen „José Pérez Salorio“, der Jahreszahl 2010, einem Camino-Zeichen und einem asturischen Trisquel. Welche Geschichte hinter diesem Stein steckt, konnte ich bisher leider nicht herausfinden.



Kaum unten angekommen, ging es wieder steil hinauf. Während des ersten Anstiegs wurde es langsam hell und nach rund einem Kilometer erreichte ich Porciles.



Am Alto de Porciles zeigte die Wegtafel 773 Meter Höhe. Rund 100 Meter später entdeckte ich ein Café. Drinnen war noch alles dunkel, einen Pilgerstempel konnte ich trotzdem holen. Etwa 50 Meter weiter fotografierte ich die geschlossene Iglesia San Roque mit ihrem schlichten Glockengiebel.



Seit meiner Unterkunft kannte der Weg eigentlich nur eine Richtung – oder besser gesagt zwei: steil hinunter und gleich wieder steil hinauf. Dann wieder hinunter und wieder hinauf.


Kurz vor dem Alto de Lavadoira stellte ich überrascht fest, dass ich trotz dieser vielen steilen Auf- und Abstiege mein Tempo von ungefähr drei Kilometern pro Stunde halten konnte. Darauf war ich richtig stolz.


Der Alto de Lavadoira liegt laut Informationstafel auf 806 Metern. Von dort begann der Abstieg nach Pola de Allande. Die Sonne schien inzwischen kräftig und selbst im Schatten war die Wärme deutlich zu spüren. Für heute waren sehr hohe Temperaturen angekündigt und der längste und steilste Aufstieg lag noch vor mir.



Und heute gab es für mich noch einen ganz besonderen Grund, diesen Weg durchzuziehen: Mein älterer Sohn Kai feierte seinen 19. Geburtstag.


Vor genau 19 Jahren hatte ich bei seiner Geburt auch keine Möglichkeit aufzugeben. Dieser Gedanke begleitete mich heute immer wieder: Damals war Aufgeben keine Option – und heute sollte es für mich ebenfalls keine sein.


Also weiter.


Über Ferroy erreichte ich nach insgesamt rund sechs Kilometern und etwa zwei Stunden Pola de Allande. Dort kaufte ich Früchte, machte eine kurze Pause und natürlich entstanden wieder viele Fotos.



Besonders interessant fand ich das „Monumento al Emigrante“. Es erinnert an die Menschen aus Allande, die einst nach Amerika auswanderten. Historische Bilder erzählen von ihren Wegen unter anderem nach Havanna, Buenos Aires, Puerto Rico und in die Dominikanische Republik. Die Statue vor der bemalten Häuserkulisse und die vielen Flaggen machten das Denkmal zu einem besonderen Ort.



Unterwegs musste ich auch an eine Begegnung vom Vortag denken. Immer wieder war ich einer älteren französischen Pilgerin begegnet. Kurz vor meiner Unterkunft kamen wir ins Gespräch. Sie pilgert mit einem kleinen Rucksack, während ihr Hauptgepäck transportiert wird. Sie erzählte mir lachend, dass ihr schon bei unserer ersten Begegnung meine Scotch-Schwämme aufgefallen waren, die ich als Polster an den Schultern benutze. Meine etwas spezielle Erfindung scheint also durchaus aufzufallen. 😊 Sie musste an diesem Tag noch bis Pola de Allande weiter – rund sechs Kilometer mehr als ich.


Nach Pola de Allande führte der Camino zunächst bis El Mazo der Strasse entlang. Danach ging es wieder hinein in den Wald. Eine Muschel und ein gelber Pfeil an einem Baum wiesen mir den Weg über einen schmalen, stark bewachsenen Pfad.



Nach rund neun Kilometern und ungefähr drei Stunden erreichte ich Peñaseita. Trotz Früchteeinkauf, Pause und meinen zahlreichen Fotostopps lag ich weiterhin gut in meinem Zeitplan.



Seit Pola de Allande ging es nun stetig bergauf. Besonders lästig waren die vielen Mücken. Das anfangs noch angenehm kühle Lüftchen wurde immer wärmer.



Von Pola de Allande bis zum Alto de El Palo sind es ungefähr acht Kilometer. Lange verlief der Weg wenigstens grösstenteils im Schatten. Die letzten rund 1,2 Kilometer änderten dann alles: kaum noch Schatten, pralle Sonne und ein Anstieg, der sich nochmals deutlich steiler anfühlte.



Etwa zwei Kilometer vor dem Alto de El Palo machte ich Mittagspause an einem Bach. Die Füsse ins kalte Wasser zu halten, war herrlich und genau das, was ich in diesem Moment brauchte.



Unterwegs passierte ich auch den Puente del Xestu Molín am Reguero Fontaraón. Später entdeckte ich eine persönliche Gedenkstelle für Antonio José Pérez. Die Worte auf der Tafel sagen sinngemäss, dass er bis ans Ende des eigenen Weges in den Herzen seiner Angehörigen weiterleben wird. Ein stiller Moment mitten auf diesem anstrengenden Aufstieg.



Dann endlich: Alto de El Palo.


Nach rund 15 Kilometern und etwas mehr als sechs Stunden hatte ich es geschafft. Die letzten Kilometer waren für mich die Hölle gewesen und gleichzeitig war ich unglaublich stolz, oben angekommen zu sein.


Dort standen Stühle und Tische und es gab einen Foodtruck. Ich kaufte mir eine Cola, setzte mich hin und genoss für einen Moment einfach nur das Gefühl: Ich bin oben!



Als ich nach der Cola wieder aufstand, begann der Schwindel.


Von diesem Moment an begleitete er mich bis zur Unterkunft. Besonders wenn ich stehen blieb oder eine Pause machen wollte, merkte ich ihn deutlich.



Trotzdem musste ich weiter.


Auf den Hochflächen sah ich Pferde und entdeckte einen besonderen Stein mit einer Bronzetafel: „Camino de los Derechos Humanos – Route to Human Rights“.



Später fotografierte ich die Iglesia de Santa María de Lago aus dem 18. Jahrhundert und die Iglesia de Santa María de Berducedo, deren Ursprung laut Schild bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht.



Kilometer um Kilometer ging es weiter.



Als ich schliesslich meine Herberge erreichte, zeigte meine Polar-Uhr Zahlen, die eigentlich alles sagen:


29,16 Kilometer.

10 Stunden und 48 Minuten unterwegs.

1.170 Höhenmeter bergauf.

1.030 Höhenmeter bergab.


Ich war völlig erschöpft und nahezu am Zusammenklappen.



Als Erstes trank ich eine Cola und checkte ein. Etwa eine halbe Stunde später wurde ich in mein Zimmer im ersten Stock begleitet. 16 Schlafplätze – und ausgerechnet nur noch ein oberes Bett war frei.


In diesem Moment zeigte sich wieder eine andere Seite des Camino: die Hilfsbereitschaft untereinander.


Besonders Eduarda aus Portugal und Kurt aus Deutschland kümmerten sich um mich. Mir wurde geraten, mich hinzulegen und die Beine hochzulagern. Rund 90 Minuten blieb ich so liegen, trank Wasser und bekam von einem anderen Pilger einen Zuckerstick.



Langsam kam ich wieder auf die Beine und konnte endlich duschen.


Später setzte ich mich zum Abendessen an den Tisch zu Eduarda. Während des Essens begann wieder alles zu kribbeln.



Wir unterhielten uns auf Englisch und halfen uns zusätzlich mit DeepL auf Portugiesisch. So erzählten wir uns gegenseitig von unserem Leben. Ich erzählte ihr auch von Janik und von meinem Projekt „Schritt für Schritt beWEGen“.


Was für ein Tag.


29 Kilometer und 1.170 Höhenmeter. Hitze, steile Anstiege, Schwindel und am Ende kaum noch Kraft.


Der Gedanke an Kai und an diesen Tag vor 19 Jahren hatte mich immer wieder begleitet.


Damals war Aufgeben keine Option.


Heute auch nicht. ❤️


Happy Birthday, mein Grosser! 🍀❤️

 
 
 

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