Pilgerbericht / Ein Weg, der plötzlich still wurde
30.09.2026
Der Tag begann im Hotel Malecón in O Barco de Valdeorras. Um 06:45 Uhr klingelte mein Wecker. Ich blieb noch etwas liegen, bevor ich um 07:30 Uhr aufstand, mich fertig machte und meinen Rucksack packte.
Um 08:00 Uhr gab es Frühstück. Wie so oft bereitete ich mir dabei ein Sandwich für unterwegs zu.
Gegen 09:30 Uhr machte ich mich auf den Weg. Mein heutiges Ziel war A Rúa de Valdeorras, knapp 13 Kilometer entfernt.
Ich entschied mich für den offiziellen Camino de Invierno entlang des Río Sil. Die Sonne zeigte sich, der Himmel wurde blau und schon bald konnte ich meine Jacke ausziehen.
Der Weg führte mich über A Proba und Arcos weiter Richtung Vilamartín de Valdeorras. Unterwegs entdeckte ich kleine Kirchen, historische Gebäude, alte Weinkeller und liebevoll gestaltete Camino-Wegweiser.
Besonders schön war die Ponte da Rodeleira, eine Hängebrücke über den Río Sil. Ich nahm mir Zeit für Fotos und genoss den Blick auf den Fluss und die Landschaft. Auch die Spuren der Waldbrände waren an den Hängen noch deutlich sichtbar.
Doch was auf meinen Fotos wie ein gewöhnlicher, schöner Pilgertag aussieht, war längst keiner mehr.
Um 11:00 Uhr erhielt ich die Nachricht, dass in Janiks Schule die Ambulanz gerufen werden musste.
Mein Janik, mein schwerstbehinderter Sohn, um den sich so viele Menschen mit Liebe und Hingabe kümmerten, war auf dem Weg ins Spital.
Ich ging weiter. Schritt für Schritt. Doch meine Gedanken waren längst nicht mehr bei den Wegweisern, den Kirchen oder der Landschaft.
Sie waren bei Janik.
Später erfuhr ich, dass auf dem Röntgenbild eine Aspirationslungenentzündung zu erkennen war.
Ich kannte solche Situationen aus unserem gemeinsamen Leben. Krankenhausaufenthalte, Sorgen, Hoffen und Bangen gehörten immer wieder zu unserem Alltag. Und doch war dieses Mal alles anders.
Ich war in Spanien, Tausende Kilometer von meinem Sohn entfernt.
Gegen 14:30 Uhr rief mich Christof an. Es musste eine Entscheidung getroffen werden, wie weit die medizinischen Massnahmen gehen sollten.
Ich musste aus der Ferne eine Entscheidung treffen, die keine Mutter jemals treffen möchte.
Eine halbe Stunde später klingelte mein Telefon erneut.
«Es tut uns leid, wir können ihn nicht retten.»
Worte, die ich niemals vergessen werde.
Ich wurde per Video zugeschaltet.
Da war mein Janik. Mein Kind. Mein Sohn, den ich sechzehn Jahre lang begleitet, gepflegt, beschützt und geliebt hatte. Mit dem ich so viele schöne, schwierige, berührende und unvergessliche Momente erleben durfte.
Und nun musste ich mich von ihm verabschieden.
Ich konnte nicht seine Hand halten, ihn nicht in meine Arme nehmen und ihm nicht noch einmal über den Kopf streichen.
Doch ich konnte mit ihm sprechen.
Ich konnte ihm meine Liebe mit auf den Weg geben, ihm alles Gute für seine letzte Reise wünschen und ihn wissen lassen, dass er für immer zu mir gehört.
Um 15:15 Uhr ging mein geliebter Janik über die Regenbogenbrücke. 🌈🤍
Tausende Kilometer lagen zwischen uns. Und doch hoffe ich von ganzem Herzen, dass er meine Stimme gehört und meine Liebe gespürt hat.
Plötzlich war alles still.
Die Landschaft, die Kilometer, die Fotos, mein Camino – alles verlor in diesem Moment seine Bedeutung.
Ich musste irgendwie noch mein Hotel in A Rúa erreichen. Ich weiss nicht, woher ich die Kraft dafür nahm. Ich ging einfach weiter.
Unterwegs hielt ein Mann mit seinem Auto an und erklärte mir, dass die Pilgerherberge in der anderen Richtung liege. Ich sagte ihm, dass ich zu einem Hotel unterwegs sei.
Schliesslich erreichte ich das Hotel Espada und zog mich auf mein Zimmer zurück.
Nach ungefähr drei Stunden im Hotel hatte ich noch immer nichts ausgepackt. Ich sass da, konnte kaum fassen, was geschehen war, und wusste nur eines: Ich musste so schnell wie möglich nach Hause.
Gemeinsam mit meiner Familie in der Schweiz und der AXA Reiseversicherung organisierte ich meine Rückreise. Die Entscheidung fiel, noch am selben Abend mit einem Taxi in die Nähe des Flughafens von Santiago de Compostela zu fahren, dort in einem Hotel zu übernachten und am nächsten Morgen über Madrid nach Zürich zurückzufliegen.
Seit dem Frühstück hatte ich nichts mehr gegessen und praktisch nichts getrunken. Inzwischen hatte ich heftige Kopfschmerzen. Doch an Essen oder Trinken war kaum zu denken. Meine Gedanken waren ausschliesslich bei Janik und meiner Familie.
Die Taxifahrt zum Flughafen kostete knapp 250 Euro. Während meiner gesamten Pilgerreise hatte ich jedes Taxi problemlos mit Karte bezahlen können. Ausgerechnet jetzt war das nicht möglich. Der Fahrer akzeptierte nur Bargeld.
Also mussten wir auch noch einen Bankomaten suchen. Für diesen zusätzlichen Umweg verlangte der Fahrer weitere 20 Euro, die ich ebenfalls bezahlen musste.
Er sprach nur Spanisch. Ich konnte kaum mit ihm kommunizieren und hatte weder die Kraft noch die Nerven, darüber zu diskutieren.
In diesem Moment war mir alles zu viel. Ich hatte gerade meinen Sohn verloren, war Tausende Kilometer von meiner Familie entfernt, hatte seit Stunden nichts gegessen und wollte einfach nur noch nach Hause.
Schliesslich erreichte ich das Hotel in Flughafennähe von Santiago de Compostela. Dort sollte ich wenigstens ein paar Stunden schlafen können, bevor am nächsten Morgen meine Heimreise begann.
Mein Camino sollte mich nach Santiago de Compostela und weiter ans Kap Finisterre führen.
Stattdessen endete er an diesem 30. September in A Rúa de Valdeorras.
Ich war aufgebrochen, um Schritt für Schritt etwas zu beWEGen. Mit Janik im Herzen, mit unserem gemeinsamen Leben als Teil meiner Geschichte und mit dem Wunsch, durch meine Pilgerreise etwas zu bewirken.
Nun stand meine Welt still.
Mein lieber Janik,
du hast mir in deinen sechzehn Lebensjahren so vieles gezeigt, ohne dafür Worte zu brauchen.
Du hast mir beigebracht, wie viel ein Lächeln, ein Blick, eine Berührung bedeuten können. Wie kostbar die kleinen Augenblicke sind. Und wie viel Liebe ein Mensch schenken kann, einfach indem er da ist.
Ich hätte mir so sehr gewünscht, bei deinem letzten Atemzug an deiner Seite zu sein.
Nun hoffe ich, dass du dort, wo du jetzt bist, frei bist. Frei von Schmerzen, von Einschränkungen und von allem, was dir dein Leben manchmal so schwer gemacht hat.
Du musst nichts mehr aushalten. Nichts mehr ertragen.
Du darfst einfach sein.
Mein Camino ist vorerst zu Ende. Unsere Liebe und unsere gemeinsame Geschichte sind es nicht.
Ich werde dich in jedem weiteren Schritt meines Lebens mit mir tragen.
In unendlicher Liebe,
dein Mami. 🌈🤍




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