Pilgerbericht / 1'305 Kilometer – mein persönliches Ziel übertroffen, mein Weg noch nicht zu Ende
10.10.2026
Manchmal nimmt das Leben eine Wendung, die alles verändert. Von einem Moment auf den anderen verlieren Pläne, Termine und Ziele ihre Bedeutung.
Als ich am 19.10.2025 in Rapperswil zu meiner ersten Pilgeretappe nach Einsiedeln aufbrach, wusste ich nicht, was mich auf diesem Weg alles erwarten würde.
Am 20.10.2025 ging es weiter nach Schwyz und am 21.10.2025 nach Stans. Vom 01.01.2026 bis 04.01.2026 pilgerte ich gemeinsam mit Christof von Konstanz nach Rapperswil.
Am 22.03.2026 reiste ich erneut nach Stans, um am 23.03.2026 meine Pilgerreise fortzusetzen.
Ich hatte mir vorgenommen, zwischen 600 und 1'200 Kilometer zurückzulegen. Schritt für Schritt wollte ich etwas beWEGen – für meinen Sohn Janik, für die Stiftung visoparents und auch für mich selbst.
Heute, am 10.10.2026, blicke ich auf eine Reise zurück, die ganz anders endete, als ich es mir vorgestellt hatte.
1'305 Kilometer – mein persönliches Ziel habe ich übertroffen!
455 Kilometer durch die Schweiz, 425 Kilometer durch Frankreich und weitere 425 Kilometer durch Spanien.
Mehr als ursprünglich geplant. Und doch fehlen die letzten Schritte bis Santiago de Compostela und ans Kap Finisterre.
Mein Camino ist unterbrochen. Nicht aufgegeben.
Drei Länder, unzählige Erinnerungen
Was habe ich auf diesen 1'305 Kilometern nicht alles erlebt!
Schnee, Sturm, Regen, brütende Hitze und wunderschöne Sonnenaufgänge. Steile Aufstiege, endlose Abstiege, schmerzende Füsse, müde Beine und Momente, in denen ich mich fragte, weshalb ich mir das eigentlich antue.
Es gab Tage, an denen einfach nichts mehr nach Plan lief. Besonders in Frankreich musste ich immer wieder umdenken, Strecken anpassen und neue Lösungen finden.
Es gab Begegnungen mit Menschen, deren Namen ich vielleicht irgendwann vergessen werde, deren Hilfsbereitschaft und Herzlichkeit mir jedoch in Erinnerung bleiben.
Menschen, die mir den Weg zeigten, mich aufmunterten, ein Stück mit mir gingen oder einfach zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren.
Und es gab diese stillen Momente. Allein unterwegs, mitten in der Natur, mit meinen Gedanken, Erinnerungen und Gefühlen.
Ich habe gelacht, geweint, geflucht, gestaunt und manchmal auch an mir gezweifelt.
Vor allem habe ich gelernt, dass nicht jeder Kilometer zu Fuss zurückgelegt werden muss, um ein wertvoller Teil dieser Reise zu sein. Manchmal bedeutete Weitergehen auch, eine Grenze zu erkennen, Hilfe anzunehmen oder einen anderen Weg zu wählen.
Schritt für Schritt beWEGen – jeder Kilometer zählt.
Diese Worte haben mich durch alle drei Länder begleitet.
Eine Begegnung, aus der Freundschaft wurde
Am 22.03.2026, als ich in Stans ankam, lernte ich Axel aus München kennen.
Damals ahnte ich noch nicht, wie oft sich unsere Wege kreuzen würden. Bis Freiburg begegneten wir uns immer wieder auf dem Camino.
Aus diesen Begegnungen entwickelte sich eine Freundschaft und Verbundenheit, die bis heute anhält.
Auch als wir längst nicht mehr auf denselben Wegen unterwegs waren, blieb der Kontakt bestehen.
Axel gab mir unterwegs immer wieder wertvolle Tipps. In Spanien erinnerte er mich beispielsweise an Ernest Hemingway und das Café Iruña in Pamplona.
Und die wunderschöne Unterkunft in Orellán, in der ich am 28.09.2026 übernachtete, war ebenfalls ein Geheimtipp von ihm. Er hatte wirklich nicht zu viel versprochen!
Lieber Axel, danke für diese besondere Wegfreundschaft, die weit über unsere gemeinsamen Camino-Begegnungen hinausgeht.
Ein besonderer Dank an Christof
Lieber Christof,
ohne dich wäre diese Reise in dieser Form nicht möglich gewesen.
Schon im Januar 2026 waren wir gemeinsam von Konstanz nach Rapperswil unterwegs. Und auch während meiner weiteren Pilgerreise warst du immer wieder an meiner Seite – manchmal ganz persönlich auf dem Weg, manchmal aus der Ferne.
Du hast mit mir geplant, organisiert, gerechnet und immer wieder neue Lösungen gesucht. Besonders in Frankreich, als meine ursprünglichen Routenpläne kaum mehr aufgingen, warst du eine unschätzbare Hilfe.
Zug- und Busverbindungen, Flüge und unzählige organisatorische Fragen – du hast dich um so vieles gekümmert, während ich unterwegs war.
Ab Romont kam noch eine weitere Aufgabe dazu. Nach einem Software-Update funktionierte die Bearbeitung meiner Pilgerberichte und Fotos auf Wix nicht mehr wie gewohnt. Von da an hast du mir jeden Abend geholfen, die Texte und Bilder auf meiner Webseite einzufügen und die Berichte fertigzustellen.
Während ich unterwegs meine Erlebnisse sammelte, hast du dafür gesorgt, dass sie auch bei meinen Leserinnen und Lesern ankamen.
Und wenn ich erschöpft, verzweifelt oder unsicher war, warst du für mich da. Über Hunderte und manchmal Tausende Kilometer hinweg.
Du hast zu Hause alles zusammengehalten und mir damit die Möglichkeit gegeben, meinen Weg weiterzugehen.
Ganz besonders bleiben mir die Tage in der Schweiz in Erinnerung, an denen du mich begleitet hast. Vor allem jene, an denen auch Janik mit seinem Rollstuhl dabei war.
Dass wir diese Momente gemeinsam erleben durften, ist heute ein unendlich kostbares Geschenk.
Am 30.09.2026 warst du es, der aus Deutschland direkt ins Kinderspital fuhr, bei Janik blieb und mich in den schwersten Stunden unseres Lebens mit dem Geschehen verband.
Du warst für Janik da, während ich nicht bei ihm sein konnte.
Du hast Entscheidungen und Momente miterlebt, die niemand erleben möchte.
Lieber Christof, du bist neben meinen beiden Kindern der wichtigste Mensch in meinem Leben geworden. Dass wir uns am 24.10.2015 zum ersten Mal begegnet sind, ist ein weiteres Datum, das für mich eine ganz besondere Bedeutung trägt.
Danke für deine Liebe, deine Geduld, deine Unterstützung und dafür, dass du an meiner Seite bist. 🤍
Danke, Sanella, Kai und Alessia
Liebe Sanella,
fast zehn Jahre lang hast du Janik begleitet, gepflegt und betreut. Du kanntest ihn mit all seinen Bedürfnissen, seinen kleinen Zeichen und seiner ganz eigenen Art, sich mitzuteilen.
Du warst so viel mehr als seine Assistenzperson.
Und auch in seinen letzten Stunden warst du aufopfernd an seiner Seite. Du hast ihn nicht allein gelassen.
Dafür werde ich dir immer dankbar sein.
Lieber Kai, liebe Alessia,
ihr wart bei Janik, als er seine letzte Reise über die Regenbogenbrücke antrat.
Zu wissen, dass sein grosser Bruder und du, Alessia, in diesen letzten 30 bis 45 Minuten an seinem Bett wart, bedeutet mir unglaublich viel.
Danke, dass ihr für ihn da wart.
Auch die vielen Angehörigen, die anschliessend ins Kinderspital kamen, um sich von Janik zu verabschieden, zeigen mir, wie viele Menschen ihn in ihr Herz geschlossen hatten.
Danke an alle, die meinen Weg mitgetragen haben
Mein Dank gilt allen Menschen, die mich während meiner Pilgerreise unterstützt haben.
Allen Spenderinnen und Spendern, die an mein Projekt geglaubt und mit ihren Beiträgen die Stiftung visoparents und meine Pilgerreise unterstützt haben.
Allen, die meine Berichte gelesen, meine Fotos angeschaut, mir geschrieben, Mut gemacht oder meine Beiträge weitergeteilt haben.
Meiner Familie, meinen Freunden, den Menschen unterwegs und all jenen, die mir ihre Türen und Herzen geöffnet haben.
Auch der Stiftung visoparents und den Menschen, die Janik über viele Jahre begleitet und gefördert haben, gilt mein herzlicher Dank.
Ihr alle habt auf eure Weise dazu beigetragen, dass aus meiner Idee eine Reise mit so vielen wertvollen Begegnungen und Erinnerungen geworden ist.
Seit der Nachricht von Janiks Tod hat mich zudem eine überwältigende Anteilnahme erreicht.
Unzählige liebevolle Worte, WhatsApp-Nachrichten, persönliche Karten, Blumen und andere Geschenke haben mir gezeigt, wie viele Menschen an uns denken und mit uns fühlen.
Es ist mir kaum möglich, auf jede einzelne Nachricht so zu antworten, wie ich es gerne möchte.
Doch ich lese eure Worte, nehme eure Anteilnahme wahr und bin von Herzen dankbar für jedes Zeichen der Verbundenheit.
Gerade jetzt, wo Worte oft fehlen, bedeuten mir diese Gesten unglaublich viel.
Der 30.09.2026 – als meine Welt stillstand
Am 30.09.2026 war ich auf dem Camino de Invierno von O Barco de Valdeorras nach A Rúa unterwegs.
Um 15:15 Uhr ging mein geliebter Janik über die Regenbogenbrücke. 🌈🤍
Mein Camino endete an diesem Tag. Nicht in Santiago de Compostela und nicht am Kap Finisterre.
Alles, was ich mir für die verbleibenden Tage vorgenommen hatte, wurde unwichtig.
Ich wollte nur noch nach Hause.
Noch am selben Abend fuhr ich mit dem Taxi in die Nähe des Flughafens von Santiago de Compostela. Am 01.10.2026 flog ich über Madrid zurück nach Zürich.
Ein Himmelsgruss, der eine andere Bedeutung bekam
Ziemlich am Anfang meiner Etappe vom 30.09.2026 hatte ich ein Bild vom Himmel aufgenommen.
Es war ursprünglich für meinen Papi gedacht, der im Juli 2022 verstorben war und am 30.09.2026 seinen 93. Geburtstag gefeiert hätte.
Ein stiller Geburtstagsgruss in den Himmel.
Ich hatte das Bild den ganzen Tag noch nicht veröffentlicht.
Am Abend, nach Janiks Tod, wurde genau dieses Bild zu meiner Nachricht an alle, die meine Pilgerreise verfolgten.
Statt der gewohnten Tagescollage stellte ich nur dieses eine Himmelsbild in meinen WhatsApp-Status.
Dazu schrieb ich lediglich:
«Heute fehlen mir die Worte.» 🌈🤍
Keine Erklärung, keine Namen.
Ursprünglich war das Bild für meinen Papi gedacht. Nun bekam es eine Bedeutung, die ich mir am Morgen niemals hätte vorstellen können.
Die Tage danach
Vom 01.10.2026 bis 04.10.2026 ging ich täglich ins Kinderspital, um bei Janik zu sein und mich von seiner körperlichen Hülle zu verabschieden.
Bei meinem ersten und meinem letzten Besuch begleitete mich Michaela, eine gute Freundin, die mir vor vielen Jahren Christof vorgestellt hatte.
Michaela übergab uns einen ganz besonderen Text im Namen von Janik und machte daraus ein Lied.
Ein sehr persönliches Geschenk, das uns in dieser schweren Zeit begleitet.
Am 02.10.2026 fand in Janiks Schule eine Abschiedsfeier statt. Gemeinsam liessen wir Ballone mit persönlichen Botschaften in den Himmel steigen.
Am 05.10.2026 wurde Janik im Kinderspital abgeholt.
Am 08.10.2026 wurde er kremiert. Zur gleichen Zeit hielten wir zu Hause ein Ritual für ihn ab.
Und während dieses Rituals wurde mir plötzlich bewusst, was wir ursprünglich für genau diesen Tag geplant hatten.
Am 08.10.2026 wollten Christof und ich in Santiago de Compostela ankommen. Anschliessend hätten wir die Nacht in Finisterre beim Leuchtturm verbracht.
Stattdessen nahmen wir zu Hause auf eine ganz andere Weise Abschied von Janik.
Auch der 12.10.2026 war ursprünglich ein besonderer Tag unserer Reiseplanung. Wir wollten wieder in Santiago sein und die Messe in der Kathedrale besuchen.
Nun werden wir an diesem Tag mit dem Pfarrer besprechen, wie wir Janiks Abschied gestalten möchten.
Wie anders das Leben doch manchmal entscheidet.
Ein gemeinsamer Name – ein besonderes Geschenk
Noch etwas hat sich in den letzten Wochen verändert: Ich habe meinen Ledignamen Fausch wieder angenommen. Auch meine beiden Söhne Kai und Janik tragen nun diesen Namen.
Am 23.08.2026 feierten wir Janiks Konfirmation bei uns auf der Terrasse. Ein wunderschöner, gemeinsamer Tag, der heute noch viel kostbarer geworden ist.
Wie besonders, dass die Namensänderung für uns alle drei noch rechtzeitig möglich wurde und Janik seine letzte Reise als Janik Felix Fausch antreten durfte.
Dass wir nun alle drei denselben Familiennamen tragen, bedeutet mir unglaublich viel. Und dass die Behörden unsere Anträge so rasch bearbeitet haben, empfinde ich rückblickend als ein grosses Geschenk.
Zahlen und Daten, die mich begleiten
Als ich meine zurückgelegten Kilometer zusammenzählte, fiel mir etwas auf.
425 Kilometer in Frankreich.
425 Kilometer in Spanien.
Und insgesamt 1'305 Kilometer.
Wenn ich bei 1305 die ersten beiden Ziffern vertausche, entsteht 3105 – der 31.05.
Ein Datum, das in Janiks Leben eine besondere Bedeutung hat.
Der 31.05. ist der Geburtstag seines Gottis.
Am 31.05.2010 bemerkten wir zum ersten Mal, dass mit Janik etwas nicht stimmte. Er hatte seine ersten epileptischen Anfälle.
Und am 31.05.2026 verstarb Werner, unser Naturheilpraktiker, der uns 16 Jahre lang begleitet hatte.
Ich glaube ganz fest daran, dass Werner meinen Janik im Himmel in die Arme genommen hat.
Vielleicht sind es Zufälle. Für mich sind es Verbindungen, die mich berühren und zum Nachdenken bringen.
Und heute ist der 10.10.2026.
Genau vor 16 Jahren, am 10.10.2010 um 22:00 Uhr, wurde Janik mit der Rega vom Kantonsspital Winterthur ins Kinderspital auf die Intensivstation geflogen.
Damals wussten wir nicht, ob er bleiben oder gehen würde.
Von diesem Tag an hing sein Leben am seidenen Faden.
Sechzehn Jahre lang.
Und heute, nur zehn Tage nach seinem Tod, denke ich besonders intensiv an diesen Moment zurück.
Mein geliebter Janik
Du warst der Grund, weshalb ich mit meinem Projekt «Schritt für Schritt beWEGen» aufgebrochen bin.
Mit dieser Reise wollte ich auf Menschen mit schweren Behinderungen und ihre Familien aufmerksam machen und die Stiftung visoparents unterstützen.
Du hast mir in deinen sechzehn Lebensjahren so vieles beigebracht.
Geduld, Ausdauer, bedingungslose Liebe und die Fähigkeit, mich über die kleinsten Dinge zu freuen.
Du hast mir gezeigt, dass Kommunikation weit mehr ist als gesprochene Worte.
Und du hast mir immer wieder vorgelebt, was es bedeutet, trotz aller Einschränkungen weiterzumachen.
Nun hoffe ich, dass du dort, wo du jetzt bist, frei bist.
Frei von Schmerzen, von Einschränkungen und von allem, was dir dein Leben manchmal so schwer gemacht hat.
Vielleicht kannst du jetzt all das tun, was dir hier nicht möglich war.
Ich wünsche es dir von ganzem Herzen.
Mein persönliches Ziel übertroffen – mein Weg noch nicht zu Ende
1'305 Kilometer bin ich gegangen.
Mein ursprüngliches Kilometerziel habe ich erreicht und sogar übertroffen.
Was ich nicht erreicht habe, ist mein geografisches Ziel.
Santiago de Compostela und Finisterre warten noch auf mich.
Wann ich meinen Weg fortsetzen werde, weiss ich heute nicht.
Doch eines weiss ich:
Irgendwann werde ich dort ankommen.
Vielleicht wird sich dieser Weg dann anders anfühlen. Vielleicht werde ich andere Gedanken und andere Fragen mit mir tragen.
Janik wird trotzdem dabei sein.
Nicht mehr so, wie ich es mir gewünscht hätte, sondern in meinem Herzen, in meinen Erinnerungen und in jedem weiteren Schritt.
Bis dahin braucht es Zeit. Zeit für Trauer, für Erinnerungen und dafür, mich in einem Leben zurechtzufinden, das ohne Janiks körperliche Anwesenheit weitergehen muss.
Mein Projekt «Schritt für Schritt beWEGen» hat mit dieser Reise nicht seine Bedeutung verloren.
Im Gegenteil.
Mein Camino ist vorerst zu Ende. Die Liebe zu Janik und alles, was er in meinem Leben bewegt hat, bleiben.
Danke, dass ihr mich auf diesem Weg begleitet habt.
Schritt für Schritt beWEGen – jeder Kilometer zählt. 🥾🌈🤍




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