Pilgerbericht / Heute durfte Aufgeben eine andere Bedeutung haben
25.09.2026
Der gestrige Tag steckte mir heute Morgen noch tief in den Knochen – oder vielleicht noch mehr im Kopf.
29 Kilometer, 1.170 Höhenmeter bergauf und die völlige Erschöpfung am Ende hatten Spuren hinterlassen. Als ich heute Morgen aufwachte, fehlte die Motivation fast vollständig. Am liebsten wäre ich einfach im Bett geblieben.
Trotzdem machte ich mich ungefähr nach meinem geplanten Zeitplan gegen 08:00 Uhr auf den Weg.
Das Wetter meinte es gut mit mir. Am Morgen war es noch angenehm kühl, später wurde es zunehmend sonnig und warm. Kein Regen – eigentlich perfekte Pilgerbedingungen.
Von La Mesa führte mich der Camino zunächst weiter Richtung Buspol. Unterwegs kam ich an der Capilla de Santa Marina de Buspol vorbei. Danach begann die lange Abfahrt Richtung Embalse de Salime.
Die Landschaft war eindrücklich und es ging viele Höhenmeter bergab. Eigentlich etwas, worüber ich heute froh sein konnte.
Denn jeder Anstieg – und sei er noch so kurz – war heute gefühlt einer zu viel.
Interessanterweise waren es gar nicht meine Beine, die das grösste Problem machten. Es war mein Kopf. Der gestrige Tag und vor allem das, was nach der grossen Belastung mit meinem Körper passiert war, sass noch tief. Sobald der Weg wieder nach oben führte, war da sofort dieser Respekt.
Gestern war mein Motto: „Aufgeben ist keine Option.“
Dieser Satz hatte für mich eine ganz besondere Bedeutung, weil mein älterer Sohn Kai seinen 19. Geburtstag feierte. Bei seiner Geburt vor 19 Jahren war Aufgeben ebenfalls keine Option gewesen.
Heute fühlte sich dieser Satz anders an.
Heute wollte ich nicht beweisen, dass ich um jeden Preis weitergehen kann. Heute wollte ich bewusst auf meinen Körper hören.
Nach der langen Abfahrt erreichte ich den Stausee von Salime. Nach dem Stausee entschied ich mich bei einem Restaurant dafür, einen Teil der Strecke mit dem Taxi zu überbrücken und mich bis zum Dorfeingang von Grandas de Salime fahren zu lassen.
Für das Taxi wurde mir zunächst ungefähr eine Stunde Wartezeit angekündigt.
Perfekt, dachte ich – dann kann ich etwas essen.
Ich bestellte ein Tagesmenü. Als Vorspeise gab es Jamón mit Melone. Noch bevor ich damit fertig war, stand bereits der Hauptgang vor mir: Lachs mit Salat.
Und noch bevor ich diesen aufgegessen hatte, war plötzlich das Taxi da. 😅
Aus der angekündigten Stunde Wartezeit war offenbar deutlich weniger geworden.
Mein restliches Essen wurde kurzerhand eingepackt und los ging es.
Das Taxi brachte mich vom Restaurant nach dem Stausee bis zum Dorfeingang von Grandas de Salime.
Dort setzte ich mich erst einmal hin und ass in aller Ruhe meine eingepackten Reste fertig. Danach schnallte ich den Rucksack wieder auf und setzte meinen Camino zu Fuss fort.
In Grandas de Salime fotografierte ich die Colegiata de El Salvador. Weiter unterwegs begegneten mir wieder kleine Kirchen und Kapellen, die für mich inzwischen genauso zum Camino gehören wie die gelben Pfeile und Muscheln.
Ich kam an der Capilla del Carmen aus dem 18. Jahrhundert vorbei und später an der Capilla de la Esperanza de Malneira, deren Ursprung sogar noch weiter zurückreicht.
Schritt für Schritt ging es weiter Richtung Castro.
Und am Ende zeigte meine Polar-Uhr dann doch wieder eine beachtliche Tagesleistung:
17,08 Kilometer zu Fuss.
6 Stunden und 14 Minuten unterwegs.
490 Höhenmeter bergauf.
925 Höhenmeter bergab.
Fast 1.000 Höhenmeter bergab – einen Tag nach meiner bisher wohl härtesten Etappe.
Heute habe ich etwas anderes gelernt als gestern.
Gestern bedeutete „Aufgeben ist keine Option“, weiterzugehen und alles aus mir herauszuholen.
Heute bedeutete es, meine Kräfte anders einzuteilen.
Ein Taxi zu nehmen, einen Teil der Strecke auszulassen und auf meinen Körper zu hören, war kein Aufgeben.
Es war die Entscheidung, morgen wieder weitergehen zu können.
Und auch das gehört für mich inzwischen zum Camino. 🥾🤍




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