Pilgerbericht / Von besonderen Begegnungen und kleinen Zufällen
10.09.2026
Heute durfte der Morgen etwas gemütlicher beginnen.
Bis ungefähr 08:00 Uhr schlief ich, danach ging es zum Frühstücksbuffet in meiner Unterkunft in Puente la Reina. Für unterwegs machte ich mir noch ein Sandwich und nahm ein hartes Ei mit und machte alles für den neuen Pilgertag bereit.
Um 09:30 Uhr sollte mich Mari Carmen abholen – meine Taxifahrerin von gestern. Kurz vorher schrieb sie mir sehr lieb per WhatsApp, dass sie sich ungefähr 15 Minuten verspäten würde. Ich war bereits draussen und wartete auf sie.
Was danach folgte, hatte mit einer gewöhnlichen Taxifahrt nicht mehr viel zu tun. 😊
Für 20 Euro bekam ich von Mari Carmen fast eine kleine private Stadtrundfahrt durch Puente la Reina.
Zuerst fuhr sie mit mir zu einer Kirche und organisierte mir dort einen Pilgerstempel.
Danach zeigte sie mir die Pilgergasse, eine weitere grössere Kirche und erklärte mir unterwegs vieles zu den verschiedenen Orten.
Natürlich durfte auch die berühmte romanische Brücke von Puente la Reina nicht fehlen.
Mari Carmen machte unterwegs sogar Fotos von mir und schickte sie mir später zu. ❤️
Was für eine herzliche Begegnung!
Danach brachte sie mich weiter bis Cirauqui, wo gegen 10:30 Uhr mein eigentlicher Fussweg begann.
Cirauqui – jetzt wird wieder gepilgert.
Cirauqui empfing mich mit seinem wunderschönen alten Ortskern und seinen engen Gassen.
Von dort folgte ich den Camino-Markierungen Richtung Lorca, Villatuerta und Estella.
Unterwegs gab es wieder viele kleine Dinge zu entdecken.
Auf einer Brücke fand ich einen französischen Spruch:
„Que la vie est amère quand on la boit sans sucre.“
Auf Deutsch ungefähr:
„Wie bitter das Leben ist, wenn man es ohne Zucker trinkt.“
Den musste ich natürlich fotografieren. 😊
Kurz darauf ging es weiter über trockene Wege, durch Felder und diese für den Camino so typischen weiten Landschaften.
Am Weg befand sich auch eine Gedenkstelle für den dänischen Pilger Arne Skov Schmidt aus Odense. Auf der Tafel steht, dass er am 16. Mai 2011 während seines Caminos an dieser Stelle starb.
Etwas später entdeckte ich mitten am Weg eine kleine Pilger-Verpflegungsstation.
Wasser, Obst, Nüsse und weitere Dinge standen gegen eine Spende bereit. Sehr herzlich gemeint – optisch für mich eher nichts. 😄
Weiter ging es über die Brücke am Río Salado.
In Lorca war eine kleine Pause sehr willkommen.
Toilette, ein frisch gepresster Orangensaft und natürlich ein weiterer Pilgerstempel. Die Kirche war leider geschlossen.
Und dann musste ich schmunzeln.
Janiks Kinderarzt heisst Dr. Carlos Lorca – und ausgerechnet heute führte mich mein Camino durch einen Ort namens Lorca.
Was für ein Zufall. 😊
Danach ging es weiter Richtung Villatuerta.
Auch in Villatuerta machte ich nochmals kurz Halt und bekam einen weiteren Pilgerstempel.
Von dort führte mich mein Weg weiter Richtung Estella.
Am späteren Nachmittag erreichte ich schliesslich Estella und checkte in der Pensión Buen Camino ein.
Auf meiner Uhr standen am Ende des Tages über 22 Kilometer.
Estella – von Feierabend noch keine Spur.
Nach dem Einchecken hätte man meinen können, jetzt sei erst einmal Duschen und Ausruhen angesagt.
Nicht bei mir. 😄
Ich hatte noch nicht einmal geduscht und war schon wieder unterwegs.
Zuerst ging es unter anderem zum Puente de la Cárcel.
Dann zum eindrucksvollen gotischen Portal der Iglesia del Santo Sepulcro.
Weiter führte mich meine Runde durch die alten Gassen Estellas.
Auch die alte Pilgergasse Calle de la Rúa gehörte natürlich dazu.
San Pedro de la Rúa konnte ich auch von innen anschauen.
Von dort oben bot sich bereits ein wunderschöner Blick über Estella.
In der Kirche bekam ich nochmals einen Pilgerstempel und zusätzlich eine Pilger-Gebetskarte.
Anfangs musste ich kurz suchen, wie man zum berühmten Kreuzgang kommt. Ein Schild brachte schliesslich Klarheit: Kirche verlassen, die Treppe hinauf und dort zum Eingang des Kreuzgangs.
Gefunden. 😊
Und dieser Kreuzgang war den kleinen Umweg definitiv wert.
Die Säulen, die besonderen gedrehten Formen und vor allem die vielen kunstvollen Kapitelle boten Motive ohne Ende.
Danach wollte ich unbedingt noch San Miguel anschauen.
Vor der Kirche standen unglaublich viele Menschen in einer langen Schlange. Dort sollte um 19:00 Uhr ein Konzert stattfinden.
Ich versuchte zu erklären, dass ich nur ganz kurz die Kirche anschauen wollte und gar nicht zum Konzert wollte.
Keine Chance. 😄
So blieb mir San Miguel von innen heute verwehrt.
Das romanische Portal konnte ich dafür ausführlich anschauen und fotografieren, allerdings erst, nachdem die Türe verschlossen war und das Konzert startete.
Auch von unten am Felsen ist die Kirche beeindruckend.
Dabei musste ich wieder an meinen Camino-Bekannten Axel denken. Er hatte mir erzählt, dass San Miguel bei seinem Aufenthalt wegen Bauarbeiten geschlossen gewesen war.
Mein Axel-Joker konnte mir heute also ebenfalls nicht helfen. 😂
Feierabend?
Noch lange nicht. 😄
Ich wollte unbedingt noch zur Real Basílica de Nuestra Señora del Puy hinauf.
Und dort fand ich schliesslich alles, was ich sehen wollte.
Die Virgen del Puy, die Sternformen, die besonderen Fenster und die aussergewöhnliche Architektur.
Draussen gab es zur Belohnung noch die Aussicht über Estella.
Während dieses ohnehin schon ereignisreichen Tages überraschte mich Mari Carmen nochmals.
Die Frau, die mich gestern und heute gefahren hatte, die mir Puente la Reina gezeigt, vieles erklärt, Fotos von mir gemacht und mir einen Pilgerstempel organisiert hatte, schickte mir über PayPal zusätzlich Geld als Unterstützung für mein Projekt.
Ich war völlig überwältigt.
Nach all ihrer Hilfe und Herzlichkeit auch noch diese Unterstützung.
Was für ein Schatz und was für eine besondere Begegnung auf meinem Camino. ❤️
Eine kleine Camino-Panne darf natürlich auch nicht fehlen.
Irgendwann stellte ich fest, dass eines meiner improvisierten Schulterpolster verschwunden war.
Meine aktuelle Hightech-Lösung besteht aus zugeschnittenen Küchenschwämmen. 😂
Gestern hatte ich gerade neuen Nachschub bekommen – und heute fehlt schon wieder einer.
Camino eben. 😉
Zum Abschluss meiner grossen Runde ging es noch über die Plaza de los Fueros.
Unterwegs entdeckte ich in einem Geschäft kleine Holztafeln mit baskischen Sprüchen und kaufte mir noch eine kleine Erinnerung.
Und jetzt: Essen!
Nach all den Kilometern und Sehenswürdigkeiten war es höchste Zeit für etwas zu essen.
Da im Restaurant kaum Englisch gesprochen wurde, half mir ChatGPT beim Lesen der Speisekarte und beim Bestellen.
Nach einigem Überlegen entschied ich mich für:
Ajoarriero con dos huevos.
Ein Gericht mit Kabeljau, Tomaten-/Paprikasauce und zwei Eiern.
Damit ging ein unglaublich ereignisreicher Tag langsam zu Ende.
Zurück in der Unterkunft warteten nur noch Duschen, Beine und Füsse pflegen, die nötigsten Nachrichten erledigen – und dann endlich schlafen.
Heute waren es nicht nur die Kilometer, die diesen Tag ausgemacht haben.
Es waren die vielen kleinen Entdeckungen, die Zufälle am Weg und vor allem Menschen wie Mari Carmen, die aus einem ganz normalen Pilgertag etwas Besonderes machen.
Schritt für Schritt beWEGen. 🥾🤍




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